Werkbeschrieb
Mit Zug (2021) legt uns Milva Stutz (*1985) eine weitere monumentale Kohlezeichnung vor. Oder vielmehr versetzt sie uns in der Gegenüberstellung des enormen Blattes von 165 x 210 Zentimetern in intensiven Austausch mit einem im Zug sitzenden Paar, ob wir wollen oder nicht. Wie bei einem auf zwei Dimensionen komprimierten Diorama tauchen wir ein in die Mise-en-Scène, die zwischen dem öffentlichen Kontext des Raumes und der Intimität der Zweisamkeit interferiert. Auch die Wiedergabe des Raumes scheint in einem ambigen Zustand von vertrauter Wirklichkeit und komponierter Fiktion zu schweben. Wie ein tief eigezogenes Tal die flankierenden Bergwände durchschneidet, teilt der Mittelgang des Wagons gleichsam die Abteile zu beiden Seiten wie auch den Bildraum. Der Gang wirkt unüberwindlich: steilansteigend und endlos. Wir sind angehalten zu verharren.
Ein heteronormativ gelesenes Pärchen hat es sich in einem der Abteile zur linken Seite des sonst menschenleeren Zugs gemütlich gemacht. Die Beiden differenzieren sich nur in Details, primär der Kleidung: Er trägt ein weisses Shirt, darüber eine leichte Trainerjacke mit nach hinten geschlagener Kapuze; Sie ein schwarzes, enganliegendes, ärmelloses Top mit hochgeschlossenem Kragen. Ihrer ebenfalls schwarzen Jacke hat sie sich entledigt und diese über die Lehne des gegenüberliegenden Abteils geworfen. Ihre Physiognomie wirkt austauschbar, angeglichen, in Kongruenz gebracht: Nase, Mund, Augen, Haarwuchs: alles scheint seinen Ursprung in einem gemeinsamen Keim zu finden. Milva Stutz lässt gerne Grenzen verschwimmen. Beide sind in ihrem, wenn man so will, ureigenen Duktus buchstäblich gezeichnet, mehr Andeutung wie Definition. Ihre überdimensionierten Hände gleichen aufgeblasenen Ballons, die Körpermorphologie wirkt elastisch, formbar – und gleichzeitig findet alles einen Zustand homöostatischen Gleichgewichts. Ihre Gesichter wirken vapourös, als liefen sie Gefahr, vom nächsten Windhauch davon getragen zu werden.
In der linken oberen Bildecke platziert Stutz den angeschnittenen Winkel eines Fensters. Dem hypnotisierten Blick des Pärchens folgend, zieht es den unsrigen in die spekulative Landschaft, die sich uns als vollständiges Abstraktum vermittelt. Wolkige Spuren verwischter Kohle. Imaginationskeim vorbeiziehender, bewaldeter Hügelzüge, weiter Felder oder scheinbar beliebig in die Landschaft gesetzter Dörfer. Stutz vermitteln dennoch ein transzendierendes Gefühl von entschleunigender Überzeitlichkeit. Ein Empfinden, welches wir alle kennen; dieses kollektive Passieren einer Landschaft, welches uns zurückwirft auf uns selbst; unsere Gedanken schweifen und flüchtige Welten erwachsen lässt. Im Betrachten vereinigen sich unsere Blicke, wir werden Eins. Wir blicken mit ihren Augen aus dem Fenster, unser Geist beginnt zu fliegen … und wir vergessen, ob es die unsrigen oder ihre Gedanken und Gefühlswelten sind. Dies ist des Pudels Kern.
Tyrone Schorrer, 2026.